Querschnitt durch Decke

 

Horst Henneberg:

DIE MÉTIS.

Die Falken des Nordwestens.



Dieses Buch schlägt ein bei uns wenig bekanntes Kapitel der nordamerikanischen Geschichte auf. Es handelt von den kanadischen Métis, Nachkommen von Indianerinnen und Weissen - einem Volk, dass 1980 etwa 200 000 Angehörige hatte.

Es berichtet von den beruehmten Bisonjaegern, die die Métis waren, von den Gefahren der Bisonjagden und den Red River Carts der Métis, mit denen sie 900 bis 1000 Pfund Bisonfleisch und -felle transportierten. Es beschreibt ihre Siedlungen und ihr Leben in der Red-River-Siedlung (Manitoba), am Milk River (Montana) und in Batoche (Saskatchewan). Es schildert die Kaempfe der Métis mit Sioux- und Schwarzfuss-Kriegern auf den Plains von Montana, North und South Dakota.

Das Buch handelt von den Schwierigkeiten der Métis und Indianer, die sie ueber Jahrzehnte mit englischen und kanadischen Regierungen und Behoerden hatten, obwohl Métis und Indianer immer loyal zu England und Kanada standen. Es informiert ueber Petitionen, die die Métis jahrelang geduldig schrieben (fuer 1846 belegen die zugaenglichen Quellen die erste Eingabe der Métis an die Regierung in London), die aber ebenso wie sie selber vom Staat fast immer ignoriert wurden, und wie der Staat die Métis viermal in die Rebellion trieb: 1816, 1848/49, 1869/70 und 1885 (1869 erste und 1885 zweite Riel-Rebellion).

Es macht uns bekannt mit beruehmten Métis wie Louis Riel, Gabriel Dumont, Ambroise Lepine und Jerry Potts, mit dem einzigen Nitsitapi-Oberhaeuptling Isapo-muxika und seinem Adoptivsohn, dem Plains-Cree-Haeuptling Pito-kanow-apiwin - die Schwarzfuss (Nitsitapi) und Cree waren verfeindet -, den Plains-Cree-Kriegshaeuptlingen Kahmeyokisickway („Tecumseh der Cree") und Papamahchawayo, anderen Cree-Haeuptlingen Mistihai'maskwa, Ayimasis, Pegowis, dem Santee-Haeuptling Wapahaska, den Sioux-Haeuptlingen Wa-nen-de-ne-ko-ton-mon-neye und Sunkska, mit Kriegern der Teton-Lakota, Assiniboine, Saulteaux, Wald-Cree, Wald-Ojibwa, Chipewayan, Nimipu, mit Vater Lacombe und anderen Kirchenmaennern, Mounties wie z. B. „Stamix-otokan” (J. F. Macleod), L. N. F. "Paddy" Crozier, S. B. Steele („Zuerst kommt das Gesetz der Koenigin, und wenn das nicht greift, kommt Steele's Gesetz”), mit den Militaers Lt.-Colonel A. T. H. Williams, "Gunner Jingo" T. B. Strange, Colonel W. D. Otter (ein kanadischer Custer), sowie Windigos, Canada Firsters, Orange Men, Fenians, illegalen Whisky-Haendlern, Wolfers, der Hudson's Bay Company und der North-West Company (Nor'Westers), der Rebellion der Patrioten von 1837, u. v. a.

Verlag fuer Amerikanistik, 1. Afl. November 2000, 256 Seiten, Papp-Einband, mit 42 Fotos, 11 Karten, umfangreicher Zeittafel, Personen- und Sachregister, einem Glossar mit ueber 300 Stichwoertern (u. a. mit indianischen Personen- und Stammesnamen sowie geographischen Namen indianischer Herkunft). Euro 31,-.

1885 wurde Louis Riel, der bedeutendste Fuehrer der kanadischen Métis, von Kanada wegen angeblichem Hochverrat hingerichtet. Ich habe in meinem Buch nachgewiesen, dass Louis Riel nicht nur einem Justizirrtum zum Opfer gefallen ist, sondern dass er auch ein guter Patriot war.

1869/70 war Louis Riel geistiger Fuehrer der Métis in der Red-River-Siedlung und Praesident der Provisorischen Regierung der Métis. Im Dezember 1869 kam der damalige Nordwesten, darunter auch die Red-River-Siedlung, durch Verkauf von der Hudson's Bay Company zum Dominion of Canada. Bereits 1868 schickte die kanadische Regierung Prospektoren an den Red River, die dort Vermessungen vornahmen, unter anderem auch auf Métis-Land. Es kamen auch viele Unruhestifter (Canada Firsters und Orange Men) nach Fort Garry, dem Hauptort von Rupert's Land, wie die Siedlung auch genannt wurde, um zu randalieren und die Métis-Regierung zu stuerzen und auch nicht davor zurueckschreckten, einen jungen Métis zu ermorden. Der Aufruhr wurde von den Métis niedergeschlagen und der Moerder hingerichtet. O'Donoghue, Ire, Fenian und Mitglied der Métis-Regierung, draengte auf einen Anschluss des Nordwestens an die USA, was von fast allen Métis und besonders von Louis Riel nachdruecklich abgelehnt wurde. Nach Gruendung der Provisorischen Regierung am Red River reagierte endlich auch die kanadische Regierung, die wie vorher die englische Regierung auf Petitionen der Métis beharrlich geschwiegen hatte: Sie schickte eine „Friedenstruppe”, die ihre vornehmste Aufgabe am Red River darin sah, zu saufen, zu randalieren, Messerstechereien zu veranstalten und Indianer und Métis zu ermorden.

Nach dem US-amerikanischen Buergerkrieg (1861-65) lungerten Hunderttausende ehemaliger Soldaten in den Staaten umher. Darunter waren auch viele Iren (Fenian Brotherhood), die mehrmals in Kanada einfielen; am 2. 6. 1866 schlugen die Fenians eine kanadische Miliztruppe bei Ridgeway und eroberten am gleichen Tag das Fort Erie. Erst auf Protest der englischen bei der US-Regierung pfiff diese die irischen Fenians zurueck. Im November 1870, nach Beendigung der Red-River-Rebellion und nach Abzug der „Friedenstruppe”, wollten Fenians aus den USA die Red-River-Siedlung erobern. Lieutenant-Governor Archibald, der Vertreter der britischen Krone am Red River, bat den in Montana im Exil lebenden Riel, die aufgeloeste Métis-Kavallerie zum Schutz gegen die Fenians wiederaufzustellen. Riel kam der Bitte nach, und von da an fielen die Fenians aus Respekt vor den Métis niemals mehr in Kanada ein und die USA gaben ihre Annexionsgelüste auf.

1885 wiederholten sich die Ereignisse, die 1869 am Red River zum Aufstand der Métis gefuehrt hatten, aber diesmal waren auch weisse Siedler davon betroffen, die ebenso wie die Métis um ihr Land und ihre Rechte fuerchteten. Ebenso wie die Métis schrieben die weissen Siedler Petitionen an die Regierung in Ottawa, und ebenso wie die Eingaben der Métis wurden auch die der Weissen nicht beachtet. Und seit 1878 verhungerten bis in die 1880er Jahre in jedem Winter viele Indianer, da die Bisons ausgerottet waren und die vertraglichen Lebensmittellieferungen minderwertig waren und bei weitem nicht genug.

Die Métis wollten weder einen bewaffneten Aufstand, noch waren sie darauf vorbereitet: Die Nordwest-Rebellion nahm ihren Anfang, als am 26. 3. 1885 zwei Parlamentaere der Métis auf Befehl des Mountie-Offiziers Crozier von dessen Scout ermordet wurden. Es kam zu Kaempfen zwischen Métis und verbuendeten Indianern und den kanadischen Invasionstruppen. Anfangs gelang es den Métis und Indianern trotz zahlenmaessiger und waffentechnischer Unterlegenheit (viele Métis und Indianer hatten nur veraltete Vorderlader), die Kanadier zu besiegen, unterlagen aber schliesslich der Uebermacht der Invasoren. Waehrend Gabriel Dumont, Michel Dumas und andere Métis sowie Ayimasis und andere Indianer nach der Rebellion in die USA fluechteten, stellten sich Louis Riel, Pito-kanow-apiwin und Mistihai'maskwa den Siegern. Pito-kanow-apiwin und Mistihai'maskwa wurden zu Gefaengnisstrafen verurteilt, an deren Folgen sie trotz vorzeitiger Entlassung starben. Papamahchawayo und sieben weitere Indianer wurden hingerichtet, und Louis Riel wurde wegen Hochverrat ebenfalls zum Tode verurteilt.

Trotz zahlreicher Gnadengesuche fuer Louis Riel aus Quebec, den USA und Europa - sogar Queen Victoria verwandte sich fuer Riel - wurde das Urteil am 16. 11. 1885 vollstreckt. Sir John A. Macdonald, der waehrend der Red-River-Rebellion und der Nordwest-Rebellion kanadischer Premierminister war, verstieg sich bei der Kommentierung der Gnadengesuche zu der Aeusserung:

"Selbst wenn jeder Hund in Quebec um Gnade fuer ihn winselt - Riel soll hängen!"

Als 1980 Quebecer Buerger sich sich wegen einer Rehabilitierung Louis Riels an die Regierung in Ottawa wandten, tat die Regierung das, was auch in der Vergangenheit meistens bei Petitionen der Métis und frankokanadischer Buerger von Regierungsseite getan wurde: Sie reagierte nicht.

Jetzt hat eine kanadische Regierung etwas getan, was Regierungen fast nie tun: Sie gestand Unrecht ein. Die Tatsache, dass es sich nicht um ihr eigenes Unrecht, sondern um das einer Vorgaenger-Regierung handelte, erleichterte ihr diesen Schritt offenbar. Das Magazin fuer Amerikanistik Nr. 4/2000 berichtet darueber:

"Spaete Wiedergutmachung: Louis Riel Highway in Kanada. Eine der kontroversesten Persoenlichkeiten der kanadischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, der Métis-Fuehrer Louis Riel, hat jetzt eine spaete Ehrung erfahren. Eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen in Saskatchewan, die Autobahn Nr. 11 zwischen Regina und Saskatoon, wurde nach dem einstmaligen Rebellen benannt. Er war wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im November 1885 gehaengt worden - eine hochumstrittene, willkuerliche Entscheidung, die unter heutigen Gesichtspunkten als Justizmord bezeichnet werden muss. In der Konsequenz wird das Provinzparlament im kommenden Fruehjahr (2001) einen Gesetzentwurf behandeln, der Louis Riel posthum rehabilitieren soll.

Riel hatte die Métis in zwei Aufstaenden gefuehrt, mit denen sich das indianische Mischvolk gegen die Beschneidung ihrer Rechte und ihres Landes wehrte. Die Métis, aus der Verbindung zwischen Ojibwa, Cree und anderen Indianern mit franzoesischen, englischen und schottischen Pelzhaendlern und Jaegern hervorgegangen, spielten sie in der grossen Zeit des Pelzhandels eine bedeutende Rolle. Inzwischen sind sie in Kanada als eigenstaendiges Indianervolk anerkannt.

Ihre dramatische Geschichte wird in dem im November 2000 erschienenen Buch von Horst Henneberg: Die Métis, die Falken des Nordwestens, 256 Seiten, zahlreiche sw Abbildungen, Euro 31,-, behandelt. Zu beziehen im Algonkin-Antiquariat.

Die mit der Rehabilitierung erfolgte, wenn auch spaete Anerkennung Riels - besser spaet als nie - wird den Beifall der nordamerikanischen Métis und Indianer finden, wie es auch mir eine Genugtuung ist, dass eine kanadische Regierung zu den gleichen Erkenntnissen gekommen ist wie ich.

Horst Henneberg.