Radioaktiv – Braunschweig und seine Sender-Geschichte(n) – Teil 1

Als der „Riese von Geitelde“ fiel

Radiohören im Braunschweiger Land – in den frühen Rundfunktagen nicht gerade ein „Ohrenschmaus“„Ohrenschmaus“. Bereits ab 1924 war zwar auch in unserer Region Rundfunkempfang möglich, aber die Sender waren zunächst schwach und weit entfernt (in Hamburg, später auch Hannover). Im „Dritten Reich“ wurde das Medium zu Propagandazwecken zwar rasch ausgebaut und technisch verbessert, doch Braunschweig hatte weiterhin keine eigene Sendestation.

Auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges blieb das Fernsehen zunächst noch Zukunftsmusik. So war neben der Zeitung das Radio weiterhin wichtigstes Informationsmedium – mit wachsenden Qualitätsansprüchen seiner Hörerschaft. Insofern durfte sich die ganze Region freuen, als der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR, später NDR) 1950 mit dem Bau des Senders „Braunschweig-Salzgitter“ auf dem Geitelder Berg (110 m üNN) begann. Nahe der Gemeinde Geitelde (früher Landkreis Wolfenbüttel, ab 1974 Stadt Braunschweig) entstanden ein großzügiges Gebäude für Technik und Personal sowie ein nochmals 106 m hoher Stahl-Rohrmast.

anklicken = grosses Bild Sendegebäude auf dem „Geitelder Berg",
im Hintergrund ist der Sendemast zu erkennen

Eine windige Geschichte

Heute steht auf dem Geitelder Berg eine Windkraftanlage – weil es dort ganz besonders stürmisch zugehen kann.
Diese Kräfte der Natur muß jedenfalls anno 1950 ein Techniker sehr unterschätzt haben. Er arbeitete in luftiger Höhe am Sendemast, als eine heftige Böe seine zuvor erhaltenen Lohngelder erfaßte und auf Nimmer-Wiedersehen davon trug. „Vom Winde verweht“ in der Geitelder Fassung – ein Happy End wurde allerdings nicht überliefert.

Im Dezember 1950 können die Arbeiten an den Sendeanlagen vorläufig abgeschlossen werden: Einen Tag vor Weihnachten beginnen die Testsendungen auf der Mittelwelle. Am 9. Februar 1951 kommt dann prominenter Besuch nach Geitelde: Dr. Adolf Grimme, damaliger Generaldirektor des NWDR weiht den Sender-Standort offiziell ein. Und er kündigt dabei gleich noch eine technische Innovation an: Während alle Welt noch Mittel-, Lang- oder Kurzwelle in bescheidener Klangqualität hört, verspricht Grimme für Geitelde einen zweiten Sender auf der neuen Ultrakurzwelle. Klangtechnisch ist UKW-Rundfunk nämlich geradezu ein Quantensprung (zunächst in Mono, ab Mitte der 60er Jahre auch zunehmend in Stereo). Anno 1951 wird jedenfalls in der „Braunschweiger Zeitung“ – obwohl es noch sehr bescheidene Aufbaujahre sind – schon täglich für Radios mit UKW-Empfang geworben. Doch das ist zunächst für die meisten noch unerschwinglicher Luxus.

Senderstandort „Braunschweig / Salzgitter" Eigentlich kein „schiefer Turm von Geitelde":
Senderstandort „Braunschweig / Salzgitter"
(nur der Fotograf hatte etwas „Schräglage")

Gegrillte Katze nach Geitelder Art

In den frühen 50er Jahren wird von Geitelde aus ein Sendegebiet von ca. 50 km abgedeckt. Die Mittelwelle 755 Kiloherz strahlt das erste Programm und UKW das zweite Programm des NWDR aus, das in Hamburg und Köln produziert wird. Einige Jahre später wird testweise auch das dritte NDR-Radioprogramm von hier aus verbreitet. 12 Mann sorgen im Wechsel für die Betreuung der aufwändigen Röhrentechnik. Dazu gehören auch ein Dienstwagen. Kurt Simon hat das Glück, den begehrten Job (damals sagte man wohl eher Posten) als Hausmeister zu bekommen – in einer Zeit noch hoher Nachkriegs-Arbeitslosigkeit. Doch der Hausmeister hat durchaus auch technische Hilfsaufgaben zu erledigen – heute nennt man das „berufliche Flexibilität“.

Kurt Simon an „seinem Sender“ Kurt Simon an „seinem Sender“
(eine Aufnahme aus den 1960er Jahren) 

Regelmäßig müssen auch Wartungsarbeiten in der knapp einen Meter breiten Turmspitze in über 100 Meter Höhe durchgeführt werden, die man durch eine schmale Stahlleiter erklimmt. Bei dieser besonderen Art des „beruflichen Aufstieges“ ist auch Kurt Simon regelmäßig gefragt. Der Sendeturm ist durch einen hohen Zaun gesichert. Nachdem er eine Tür aufgeschlossen hat, muß sich Simon zunächst elektrisch abisolieren, um den weiterhin strahlenden Riesen betreten zu können. Strahlungsrisiken schienen damals jedenfalls kein Thema gewesen zu sein. Andererseits: Kurt Simon – mittlerweile knapp 90 Jahre alt – erfreut sich auch anno 2002 noch einer erstaunlichen Gesundheit. Bei gutem Wetter wird die Kletterei im Geitelder Turm jedenfalls auch noch mit einem herrlichen Weitblick über die Braunschweiger, Elm- und Harzregion belohnt.

Bei heranziehenden Gewittern allerdings muss damals die Anlage komplett abgeschaltet werden – zuvor durch eine Ansage von Schallplatte angekündigt. Und dann kommt Schweigen bzw. Rauschen im Äther – heute unvorstellbar.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen gibt es eines nachts mitten im Sendebetrieb einen lauten Knall, dann schweigt der Sender Geitelde! Doch kein Blitz ist die Ursache, sondern eine verirrte Katze. Irgendwie hat das arme Tier einen Weg in einen elektrischen Versorgungskanal gefunden – doch die Hochspannung läßt ihr keine Chance.

Nichts ist so beständig wie der Wandel

1956 wird aus dem NWDR in unserem Gebiet der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Bereits in diesem Jahr nimmt auch die neue Großsendeanlage Torfhaus ihren offiziellen Betrieb auf. Nicht nur UKW-Rundfunk, sondern auch das mittlerweile eingeführte erste (und bis 1963 einzige!) Fernsehprogramm können von diesem viel höher gelegenen Standort viel effektiver verbreitet werden. Die Hälfte der Geitelder Stations-Mannschaft wird mit in den Harz versetzt. Aber auch ihr alter Arbeitsplatz erfüllt noch lange Zeit radiotechnische Aufgaben. Bis 1969 bleibt der Mittelwellensender mit seinen 2000 Watt Leistung im Einsatz; am 13.9. wird er endgültig abgeschaltet. Längst hört die große Mehrheit sowieso lieber UKW.

Anfang der 70er Jahre ist die Geitelder Station fast menschenleer: Der technische Fortschritt benötigt kaum noch anwesendes Personal und es laufen nur noch abends Fremdsprachensendungen für „Gastarbeiter“ über den letzten verbliebenen UKW-Sender. Die kleine 500 Watt-Anlage muß nun Kurt Simon oft allein überwachen. Schließlich schaut er sogar als Rentner noch einmal täglich nach dem Rechten.

Braunschweigs Radio-Premiere

Anläßlich der „Harz und Heide“-Ausstellung 1973 (22.-30.9.73) sendet der NDR erstmals exklusiv aus und für die Region – zumindest an den Wochenenden. Interviews, Musik und Reportagen aus einem gläsernen Studio an der Eisenbütteler Straße. Abgestrahlt wird das Programm vom UKW-Sender Geitelde. Doch es soll bei dieser einen spektakulären Aktion bleiben.

1974 wird auch das „Gastarbeiter“-Programm zum Sender Torfhaus verlagert und die verbliebene Sendetechnik im Geitelder Gebäude bald entfernt. Haus und Grundstück werden schließlich verkauft und zu einem Wohngebäude.

Einzig der Sendemast steht noch ein Weile – längst als „Riese von Geitelde“ zu einem Wahrzeichen geworden. Doch im Spätsommer 1977 ist auch seine Zeit abgelaufen: Der Abbau-Trupp kappt die stählernen Halteseile und läßt das Monstrum binnen Sekunden auf den Acker „krachen“ (siehe Bild).

Das Ende des Sendeturmes in Geitelde

Das Ende des Sendeturmes
in Geitelde

Die Schneidbrenner des Schrotthändlers werden den Rest besiegeln.

 

das Beton-Fundament Kontrollierter Sturz:
Hier stand eben noch die Geitelder Sendeantenne:
Der zerborstene Keramik-Träger
und das Beton-Fundament (1977)

 

Ende des Technik-Denkmales „Sender Geitelde" Nachdenkliche Gesichter:
Ende des Technik-Denkmales
„Sender Geitelde" (Sommer 1977)

Das erste Kapitel regionaler Radiogeschichte ist damit anno 1977 endgültig zu Ende gegangen.

Heute erinnert in Geitelde nur noch ein Straßenname an den früheren NDR-Standort: „Am Sender“ Mittlerweile steht dort – wie gesagt – eine Windkraft-Anlage und es entsteht ein neues Baugebiet.

Sendetechnische Aufgaben dagegen hat schon seit 1971 der Broitzemer Funkturm übernommen, von dem seit Mai 1997 auch das Programm von Radio Okerwelle abgestrahlt wird.

(siehe auch „Technische Anmerkungen“und „Sendergeschichte Teil 2“)

© 2004 by Ralf Götte

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